Stellen Sie sich vor, wie Sie sich fühlen, wenn ein geliebter Mensch mit Ihnen in einem wohlwollenden Ton spricht – was in Ihrem Gesicht passiert und im restlichen Körper. Vielleicht deutet sich ein Lächeln auf Ihren Lippen an, vielleicht lässt sich ein warmes Gefühl im Brust- oder Bauchraum erspüren. Die Stimme spielt dabei eine wesentliche Rolle bei diesem Erleben, ihre Frequenzen signalisieren uns seit jeher Nähe, Fürsorge und Sicherheit.
Dieses kleine Experiment kann man natürlich auch mit anderen Frequenzen machen – indem man sich zum Beispiel das Heulen einer Sirene oder den Donner eines herannahenden Gewitters vorstellt. Spüren Sie den Unterschied? Vielleicht zieht sich etwas in Ihnen zusammen, oder die Miene verfinstert sich. Wir sind stets mit allen Sinnen mit unserer Umwelt in Verbindung und reagieren auf ihre Signale. Geräusche sind dabei ein wesentlicher Kanal zur Orientierung: Bin ich sicher, oder muss ich Schutz suchen?
Wie unser Gehör mit Sicherheit und Gefahr verbunden ist
Unser Gehör verbindet ständig zwei Dinge miteinander: Woher kommt ein Geräusch, und wie stark ist es. Unser auditorisches System hat sich so entwickelt, dass es Hintergrundgeräusche so herausfiltern kann, dass es sich nur auf relevante Töne und Aufgaben konzentriert. Es ist zudem in der Lage Emotionen in einer Stimme zu erkennen, ohne dabei auf andere Sinne angewiesen zu sein.
Wenn wir unter Stress stehen oder einer Bedrohung ausgesetzt sind, ist diese Fähigkeit, Hintergrundgeräusche filtern zu können jedoch eingeschränkt. Damit wir auch jene Geräusche deutlich wahrnehmen, die unsere Überlebenschancen entweder erhöhen oder verringern.
Verarbeiten wir diese bedrohlichen Situationen bzw. intensiven Stresserlebnisse nicht ausreichend, kann eine Übersensibilität bei der Geräuschwahrnehmung bestehen bleiben und sich auch eine übersteigerte Schreckreaktion ausbilden. Das Herunterkommen danach fällt schwerer und dauert mitunter länger. Geräusche, die früher kaum aufgefallen wären, fühlen sich plötzlich zu viel an.
Im Gegensatz dazu ist es aber auch möglich, dass sich eine Hyporesponsivität gegenüber Geräuschen entwickelt – Menschen wirken dann von Geräuschen um sich herum wie losgelöst. Wie eine Art innere Distanz, fast so, als würde man die Klangwelt um sich herum nur noch gedämpft wahrnehmen. Auch das ist eine Art und Weise, wie ein überfordertes Nervensystem sich selbst zu schützen versucht.
Dann kann es wichtig sein, eine Neubewertung von Geräuschen über sichere Erfahrungen wieder zu erlernen.
Genau hier versucht das Safe and Sound Protocol anzusetzen.
Die fünfstündige Playlist mit eigens erstellter Musik ist so gefiltert, dass genau die sicherheitsgebenden Frequenzen der menschlichen Stimme im Vordergrund stehen und beim Hören das Nervensystem so „trainieren“, dass es leichter in einen Sicherheitsmodus kommen kann.
Mittelohrmuskeln und Trommelfell als Gatekeeper
Ein besonders faszinierendes Detail betrifft dabei die kleinsten Muskeln unseres Körpers: die Mittelohrmuskeln. Gesteuert von Nervenimpulsen stimmen sie das Trommelfell wie die Membran einer Trommel auf bestimmte Frequenzbereiche ein. In einem sicheren, entspannten Zustand spannen sie sich an und lassen vor allem die mittleren Frequenzen der menschlichen Stimme gut durch. In einem Abwehrzustand hingegen entspannen sie sich, und tiefe wie hohe Warnfrequenzen dringen ungefiltert durch, während Stimmen dann buchstäblich schwerer zu verstehen sind. Bei manchen Menschen – etwa nach häufigen Mittelohrentzündungen, bei bestimmten neurologischen Besonderheiten oder nach belastenden Erfahrungen – kann sich diese Feinabstimmung chronisch verschieben.
Genau hier knüpft die Musik des SSP an. Sie beginnt mit einem sehr schmalen, gut hörbaren Frequenzband im Bereich der menschlichen Stimme und weitet dieses über die fünf Hörstunden hinweg schrittweise aus – ähnlich einem Lauftraining, bei dem Tempo und Distanz langsam gesteigert werden. Das Nervensystem pendelt kontrolliert zwischen leichter Aktivierung und Beruhigung hin und her. Diese Wiederholung stärkt mit der Zeit die neuronalen Bahnen, die für Flexibilität und Erholungsfähigkeit des Nervensystems zuständig sind – nicht anders, als Training einen Muskel kräftigt.
Gesichtsnerv und Vagusnerv in Aktion
Interessant ist dabei auch, welcher Nerv für diese Feinabstimmung der Mittelohrmuskeln verantwortlich ist: der Gesichtsnerv. Er entspringt nah beim Vagusnerv im Hirnstamm, und beide werden – dieser Zusammenhang wird in der Polyvagal-Theorie von Stephen Porges beschrieben – als eng aufeinander abgestimmtes Team verstanden.
Auf welcher Grundlage die beiden Nerven aktiv werden, entscheidet unser Nervensystem unbewusst und fortlaufend durch die Bewertung von Signalen aus Umwelt und dem eigenen Körper. Fällt diese Bewertung auf „sicher“, sind Gesichtsnerv und Vagusnerv gemeinsam daran beteiligt, unser Nervensystem in einen ruhigen, sicheren Zustand zu bringen – und uns dort für Nähe und Kontakt empfänglich zu halten.
Dann wird meist gleichzeitig unsere Mimik weicher, unsere Stimme wärmer im Klang – und auch die kleinen Muskeln in unserem Mittelohr stellen sich wieder eher auf die Frequenzen einer vertrauten, menschlichen Stimme ein. Diese drei Ebenen hängen also nicht zufällig zusammen, sondern sind Teil desselben, alten Systems, das uns seit jeher signalisiert: Hier ist gerade Nähe und Verbindung möglich, kein Rückzug nötig.
Ob und wie genau das SSP diesen Zusammenhang gezielt anspricht, wird in der Forschung bislang als Hypothese beschrieben, nicht als endgültig belegter Wirkmechanismus. In der Praxis zeigt sich jedoch immer wieder: Wenn Klient:innen beim Hören der Musik spürbar ruhiger werden, verändert sich häufig auch sichtbar ihr Gesichtsausdruck – ein kleines, aber bedeutsames Zeichen dafür, dass sich das Nervensystem gerade neu einpendelt.
Sicherheit (wieder)erlangen
Schritt für Schritt kann sich durch den Hörprozess dann ein höheres Sicherheitserleben einstellen. Dabei können die Anzeichen dafür manchmal zunächst sehr subtil sein, während sie sich in anderen Fällen drastisch und eindrücklich zeigen. Ist es bei einer Person der bessere Schlaf und die höhere Herzratenvariabilität, zeigt sich das bei anderen Menschen durch mehr Mut in sozialen Kontakten. In anderen Fällen gelingt es wiederum besser ins Tun zu kommen, oder die eigenen Gefühle genauer spüren und benennen zu können.
Genau das macht den Ansatz auch so spannend. Der Hörprozess selbst erlaubt eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit dem eigenen Nervensystem, wenn man die entsprechende Neugier mitbringt genau hinzuhören und zu -spüren. Diese Feinabstimmung mit sich selbst ist auch wichtig, um gemeinsam mit mir die passende Hördauer abzustimmen, die sich stark nach der individuellen Reaktion richtet und sorgfältig gewählt wird. Die dabei gemachten Erfahrungen sind in der Regel mindestens ebenso wertvoll wie das „Training“ des auditiven Systems selbst.
Wichtig ist aber zu betonen: SSP ist kein Wundermittel und ersetzt keine notwendige medizinische oder psychotherapeutische Behandlung. Es kann ein Baustein sein, der andere Ansätze ergänzt und ihnen manchmal überhaupt erst den Boden bereitet, weil ein Nervensystem, das sich sicherer fühlt, offener für Veränderung ist. Da jedes Nervensystem aber ganz individuell reagiert, gehört auch zur Wahrheit dazu, dass ein gewünschter Output nicht garantiert werden kann und der Einsatz bei entsprechenden Vorerkrankungen sorgfältig abgewogen werden muss.
Was sagt die Forschung?
Das Safe and Sound Protocol ist eine vergleichsweise junge Methode und dementsprechend ist die Zahl der Studien bisher noch überschaubar, wenn auch stetig wachsend.
Am besten belegt ist die Wirkung bei Menschen im Autismus-Spektrum: Kontrollierte Studien mit der Vorläuferversion des SSP zeigten hier Verbesserungen der auditiven Verarbeitung, der Spontansprache und der emotionalen Regulation. Bei Menschen mit Stimm-, Hals- und Atembeschwerden dokumentierte eine Untersuchung hingegen einen deutlichen Rückgang von Angst- und Depressionswerten.
Zu posttraumatischer Belastungsstörung liegen inzwischen erste Ergebnisse einer Studie der Indiana University im Auftrag des US-Verteidigungsministeriums vor: Klient:innen, die zusätzlich zu ihrer Psychotherapie SSP erhielten, zeigten einen deutlicheren Rückgang von PTBS- und Angstsymptomen als die Vergleichsgruppe ohne SSP. Die Begutachtung durch die Fachwelt, steht bei dieser Studie aber noch aus.
Zu einer korrekten Einordnung gehört es auch offenzulegen, dass viele dieser Studien noch klein sind, teils Pilotstudien oder Einzelfallberichte, und ein Teil der Grundlagenforschung eng mit den Entwickler:innen des SSP verbunden ist. Das entwertet die bisherigen Befunde und die Erfahrungen aus der klinischen Praxis nicht – es macht aber deutlich, dass größer angelegte, unabhängige Studien noch ausstehen.
Sind Sie neugierig geworden? Gerne können wir in einem Erstgespräch gemeinsam klären, ob das Safe and Sound Protocol ein passender nächster Schritt für Sie sein kann und wie ich Sie dabei begleiten kann. Sie sind nicht im Raum Neulengbach zu Hause und können nicht zu mir in die Praxis kommen? Ich begleite das Safe and Sound Protocol bei passenden Rahmenbedingungen gerne auch online.
Quellen:
Porges, S. W., Bazhenova, O. V., Bal, E., Carlson, N., Sorokin, Y., Heilman, K. J., Cook, E. H., & Lewis, G. F. (2014). Reducing auditory hypersensitivities in autistic spectrum disorder: Preliminary findings evaluating the Listening Project Protocol. Frontiers in Pediatrics, 2, Article 80. (Untersucht die Vorläuferversion des SSP, das Listening Project Protocol, bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störung.) https://doi.org/10.3389/fped.2014.00080
Grooten-Bresser, H., Heilman, K. J., Kooijman, P. G. C., Monti, E., Chenault, M. N., Holmes, L. G., & Resto, O. (2024). Speech therapy clients with voice, throat and respiratory complaints: Self-reported autonomic reactivity, anxiety and depression and effects of Safe and Sound Protocol. Music and Medicine, 16(2). (Pilotstudie mit 33 Klient:innen aus der Stimm-/Sprachtherapie; kostenpflichtig, kein Open Access – 15 USD über iammonline.com.) https://doi.org/10.47513/mmd.v16i2.944
Kolacz, J. (Principal Investigator), Indiana University / Spencer Psychology. The Effects of the Safe and Sound Protocol on PTSD Symptoms and Anxiety. ClinicalTrials.gov ID NCT04999852. Ergebnisse erstveröffentlicht 05.09.2025. https://clinicaltrials.gov/study/NCT04999852?tab=results
