Die Maske, die krank macht: ADHS bei Frauen

Viele Frauen erhalten ihre ADHS-Diagnose nicht in der Kindheit, sondern erst als Erwachsene – oft nach Jahren mit einer ganz anderen Diagnose: Depression, Angststörung, Burnout. Das ist fatal, bedeutet ADHS doch nicht nur Konzentrationsprobleme und/oder Hyperaktivität/Impulsivität, sondern berührt zentral das eigene Selbstverständnis und die Identität. Wie das kommt? Bleiben Sie gerne dran!
Warum ADHS bei Frauen so oft unentdeckt bleibt

Zunächst einige Fakten: In der Kindheit werden auf ein Mädchen mit ADHS-Diagnose etwa drei Jungen diagnostiziert. Im Erwachsenenalter gleicht sich dieses Verhältnis fast vollständig an – ein deutliches Indiz dafür, dass bei vielen Frauen die Diagnose in der Kindheit schlicht verpasst wurde. Nur etwa jede vierte ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter wurde bereits in Kindheit oder Jugend gestellt.

Die Gründe dafür sind vielschichtig und haben nicht nur mit der Ausprägung der Symptomatik zu tun, sondern auch damit, wie sie bei Mädchen gelesen wird. Gleichzeitig spielen Rollenerwartungen ebenso mit, wie stark sich Symptome im sozialen Kontext zeigen.

Aber von Anfang an: Bei Mädchen und Frauen stehen häufiger Symptome aus dem Bereich der Unaufmerksamkeit im Vordergrund. Das kann sich in Tagträumerei, Vergesslichkeit oder leichter Ablenkbarkeit zeigen. Hyperaktivität richtet sich hingegen häufiger nach innen – in Form von innerer Unruhe oder einem nie enden wollenden Gedankenkarussell. Oder sie zeigt sich etwas subtiler über Nägelkauen, ständiges Spielen mit den Haaren, Skinpicking oder schlichtweg viel Sprechen. Um nur einen kleinen Teil möglicher Symptome zu nennen.

Wahrnehmungsverzerrung verhindert Diagnostik

Eine große, 2022 erschienene Übersichtsarbeit von Stephen Hinshaw und Kolleg:innen (UC Berkeley) liefert dazu einen bemerkenswerten Zusatzbefund: Bei objektiven Verhaltensmessungen zeigen Jungen zwar tatsächlich mehr Hyperaktivität als Mädchen – bei der Unaufmerksamkeit unterscheiden sich beide Gruppen jedoch nicht signifikant. Lehrkräfte bewerten Jungen dennoch auf beiden Dimensionen systematisch als stärker auffällig als Mädchen, was auf eine deutliche Wahrnehmungsverzerrung hindeutet.

Maskierung bis zur kompletten Erschöpfung

Hinzu kommt ein Verhaltensmuster, das in der Forschung als „Masking“ bezeichnet wird: Viele Frauen können ihre Schwierigkeiten bei guter Intelligenz und sprachlichen Fähigkeiten zunächst noch durch Wissensdurst und Neugierde kompensieren. Aber auch Perfektionismus, übermäßige Vorbereitung oder ausgeprägtes Anpassungsverhalten sind häufige Strategien und zollen ihr Tribut. Nach außen wirkt das organisiert und zuverlässig – nach innen kostet es enorme Energie. Diese Anpassungsleistung verschleiert die eigentliche Symptomatik oft so gut, dass weder das Umfeld noch Fachpersonen sie erkennen. Lebenslang das „brave Mädchen“ zu sein, das gesellschaftlich noch immer gelobt wird, dürfte hier eine maßgebliche Rolle spielen, finden sich geschlechtsspezifische Rollenerwartungen doch in so vielen individuellen Biografien in den unterschiedlichsten Ausprägungen wieder.

Hauptsache funktionieren, Hauptsache niemandem zur Last fallen, Hauptsache niemanden enttäuschen, Hauptsache dafür sorgen, dass es allen gut geht.

Natürlich ist das nicht immer der Fall – zum Glück – aber dennoch ein Muster, das oft stark verspätet zur Diagnose führt, wenn überhaupt. Einschneidende Übergänge wie Mutterschaft oder Perimenopause können dann schließlich die Belastung oft so verstärken, dass bisher funktionierende Kompensationsmechanismen versagen und die Symptomlast nicht mehr bewältigt werden kann. Nicht selten, wie bereits zu Beginn erwähnt, mündet es dann in Diagnosen wie Burnout, Angststörung oder Depression und einer psychiatrischen Behandlung, die nicht die erhoffte Besserung bringt, weil das eigentliche Zustandsbild ungesehen bleibt.

Die eigenen Kinder als Wendepunkt

Eine Studie zeigt etwa, dass Frauen, die in der Kindheit nicht mit ADHS diagnostiziert werden, im Durchschnitt 36–38 Jahre alt sind, wenn sie die Diagnose schließlich erhalten. Anlass sind dann entweder andere Begleiterkrankungen oder die Diagnose eigener Kinder, die das Bewusstsein für die Symptomatik schärfen. Hier nur am Rande erwähnt, aber ein ebenso großes Thema, sind zudem Diagnostikkriterien, die auf Jungen zugeschnitten wurden, seit 20 Jahren so gut wie unverändert angewendet werden und das Erleben von Mädchen höchstwahrscheinlich nicht ausreichend erfassen.

Die Kosten könnten dabei kaum höher sein: Neben einem geringeren Selbstwertgefühl mit starken Schuld- und Schamgefühlen sowie Beziehungsschwierigkeiten sind oft auch das Einkommen geringer, Begleiterkrankungen häufiger, und es konnte eine frühere Sterblichkeit nachgewiesen werden. Den Frauen fehlen zudem schlicht Begrifflichkeiten, um das eigene Erleben einordnen und begreifen zu können.

Hormone, Hormone, Hormone

Ein Aspekt, der in der ADHS-Forschung lange kaum Beachtung fand, aber zunehmend in den Fokus rückt: der Einfluss weiblicher Sexualhormone auf ADHS-Symptome.

Der am besten belegte Zusammenhang betrifft den Menstruationszyklus: Unaufmerksamkeit, exekutive Funktionen und emotionale Regulation verschlechtern sich typischerweise in der späten Lutealphase, kurz vor der Periode – vermutlich, weil sinkendes Östrogen die ohnehin beeinträchtigte Dopaminregulation zusätzlich belastet.

Eine aktuelle isländische Kohortenstudie liefert darüber hinaus mit über 5.300 Frauen erste Daten zum Thema Perimenopause: 54,2 % der Frauen mit ADHS berichteten schwere perimenopausale Beschwerden, gegenüber 30,1 % ohne ADHS – fast doppelt so häufig, mit dem stärksten Unterschied bei körperlichen Beschwerden. Frauen mit ADHS erreichten den Symptom-Höhepunkt bereits mit 35–39 Jahren, zehn Jahre früher als Frauen ohne ADHS. Wegen des Querschnittsdesigns lässt die Studie aber leider noch keine endgültige Aussage über genaue Ursache und Wirkung zu, dennoch ist es ein erster starker Befund.

Was diese Ergebnisse für die Praxis bedeuten

Wenn eine Frau seit Jahren wegen Angst, Depression oder unklarer emotionaler Instabilität behandelt wird, ohne dass sich nachhaltig etwas bessert, kann ADHS als mögliche zugrunde liegende oder komorbide Erklärung infrage kommen – besonders wenn Schwierigkeiten bereits in der Kindheit begannen, auch wenn sie damals nicht auf den ersten Blick auffielen.

Die Erfahrung aus der Praxis zeigt, dass sich bei genauerer Exploration – im besten Fall unter Einbezug von Angehörigen – doch meist viele kleine Puzzleteile finden lassen, die am Ende ein stimmiges Bild zeichnen und eine korrekte Diagnose ermöglichen. Ein Schritt, der nicht nur der richtigen Behandlung den Weg ebnet, sondern ein maßgeblicher Baustein für ein besseres Selbstverständnis und die Entwicklung einer kohärenten Identität vieler jahrelang stark belasteter Frauen sein kann. Oft wird erst dann der Weg aus einer massiven Selbstentfremdung hinaus beschritten, hin zu einem authentischeren Ich, jenseits einer krankmachenden Überanpassung. Und natürlich der richtigen Behandlung.


Quellen
Teilen: