ADHS bei Erwachsenen ist weit mehr als motorische Unruhe oder Vergesslichkeit. Hier finden Sie einen ersten Überblick über die wichtigsten Aspekte und Ressourcen um sich weiter zu informieren.
Ich bin Psychotherapeutin in Neulengbach in Niederösterreich und mein Arbeitsschwerpunkt ist ADHS bei Erwachsenen. In meiner Praxis begleite ich überwiegend Erwachsene mit spät diagnostiziertem ADHS, die nach der Diagnose ihr bisheriges Erleben neu einordnen und besser verstehen möchten.
Auch Menschen, die bei sich ADHS vermuten, den Schritt zu einer Diagnostik aber noch nicht gemacht haben, können sich an mich wenden. Ich biete eine erste Orientierung und auf Wunsch eine Vorbereitung auf die Diagnostik an. Dabei betrachten wir die verschiedenen ADHS-relevanten Bereiche und Ihre individuellen Erfahrungen genauer. Erhärtet sich der Verdacht auf ADHS, empfehle ich eine klinisch-psychologische Diagnostik und kann an entsprechende Fachstellen weiterverweisen.
Ob und wann Sie eine Diagnostik in Anspruch nehmen möchten, entscheiden Sie selbstverständlich selbst.
Viele Menschen mit ADHS fragen sich jahrelang, warum bestimmte Dinge so viel mehr Kraft kosten als bei anderen. Diese Fragen helfen zur ersten Orientierung – sie ersetzen keine Diagnostik, können aber ein hilfreicher Startpunkt sein.
ADHS ist eine neurobiologische Entwicklungsstörung, bei der unter anderem Unterschiede in der Funktion und Regulation verschiedener neuronaler Netzwerke und Botenstoffsysteme eine Rolle spielen. Dazu gehören auch Dopamin und Noradrenalin, die an Prozessen wie Aufmerksamkeit, Motivation und Handlungssteuerung beteiligt sind.
Das kann sich in einem scheinbar paradoxen Muster zeigen: Dieselbe Person, die sich bei einem interessanten Projekt über lange Zeit intensiv konzentrieren kann, hat möglicherweise große Schwierigkeiten, bei monotonen oder wenig stimulierenden Aufgaben dranzubleiben.
ADHS ist stark genetisch mitbedingt und keine Folge ‚schlechter Erziehung‘. Gleichzeitig beeinflussen Umwelt, Erfahrungen und Lebensbedingungen, wie stark sich Schwierigkeiten im Alltag zeigen.
Hinter den klassischen Bereichen Aufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität steckt weit mehr – darunter auch, was viele Betroffene als besonders belastend erleben: Emotionsregulation. Auch wenn diese bisher kein diagnostisches Kernkriterium in ICD-11 oder DSM-5 ist.
Schwierigkeiten, bei uninteressanten Aufgaben dranzubleiben. Häufiges Abschweifen, Vergessen, Verlieren des roten Fadens – auch bei wichtigen Dingen.
Gedanken, die gleichzeitig kommen. Schwierigkeiten, Impulsen zu widerstehen. Inneres Wibbeln, auch ohne äußere Hyperaktivität.
Gefühle können schnell und intensiv auftreten und mitunter schwerer zu regulieren sein. Frustration oder Begeisterung sind schwerer zu steuern. Oft wird das als „zu sensibel" abgetan.
Exekutivfunktionen umfassen verschiedene kognitive Fähigkeiten, die uns helfen, Verhalten zielgerichtet zu steuern. Sie beruhen auf dem Zusammenspiel mehrerer Hirnnetzwerke, unter anderem unter Beteiligung präfrontaler Regionen. Bei ADHS können einzelne dieser Funktionen erschwert sein – allerdings in individuell sehr unterschiedlicher Ausprägung.
Schwierigkeiten im Arbeitsgedächtnis können mit dazu beitragen, dass Pläne oder Zwischenschritte aus dem Blick geraten – obwohl man eigentlich weiß, was zu tun wäre.
Die Fähigkeit, störende Reize auszublenden und Handlungsimpulse zu bremsen. Wenn das schwieriger ist, wirkt man von außen „sprunghaft" oder „unbeherrscht" – solche Schwierigkeiten sind nicht mit mangelnder Disziplin gleichzusetzen, sondern können Teil der ADHS-Symptomatik sein.
Die Fähigkeit, Gefühle zu modulieren, bevor sie das Verhalten übernehmen. Viele Menschen mit ADHS berichten, dass Emotionen schnell und intensiv auftreten und schwerer zu regulieren sind. Schwierigkeiten in der Emotionsregulation sind bei ADHS häufig, gehören jedoch nicht bei allen Betroffenen gleichermaßen zum Erscheinungsbild. Schwierigkeiten in der Emotionsregulation können im Alltag erheblich belasten und sich unter anderem auf Beziehungen und das subjektive Wohlbefinden auswirken.
Das Umschalten zwischen Aufgaben oder Denkstrategien. Bei eingeschränkter kognitiver Flexibilität kann sich als Entscheidungsblockade, Überforderung bei Veränderungen oder Starrheit in bestimmten Situationen zeigen.
Langfristige Ziele im Blick zu behalten und Handlungen zu strukturieren kann ohne unterstützende äußere Struktur besonders schwerfallen. Auch die Wahrnehmung und Einschätzung von Zeit kann erschwert sein. Betroffene beschreiben es oft so: "Es gibt jetzt – und es gibt nicht jetzt." Fristen und Zukunftspläne fühlen sich abstrakt an, bis sie plötzlich dringend sind.
Viele Erwachsene mit ADHS haben jahrelang Schwierigkeiten, ohne je eine Erklärung dafür zu bekommen. Ihre Symptome werden als Persönlichkeitsschwäche, Faulheit oder mangelnde Motivation missverstanden – von anderen und von sich selbst.
Insbesondere bei Frauen und bei Menschen mit überwiegend unaufmerksamer Symptomatik kann ADHS länger unerkannt bleiben. Auch eine gute schulische oder berufliche Leistungsfähigkeit schließt ADHS nicht aus: Manche Betroffene können Schwierigkeiten lange kompensieren, oft allerdings mit erheblichem Aufwand.
Manche Betroffene haben bereits Diagnosen wie Depression oder Angststörung erhalten, bevor ADHS erkannt wird. Solche Erkrankungen können zusätzlich zu ADHS bestehen; langjährige Überforderung und Kompensationsleistungen können psychische Belastungen ebenfalls verstärken. Im Einzelfall ist deshalb eine sorgfältige diagnostische Differenzierung wichtig.
Psychiater:innen und klinische Psycholog:innen mit ADHS-Expertise führen die Diagnostik durch. Eine Diagnose ist keine Bedingung für Therapie – aber sie schafft Klarheit.
Therapie kann helfen zu verstehen, wie sich ADHS im eigenen Alltag auswirkt und welche Schwierigkeiten damit zusammenhängen können. Darauf aufbauend lassen sich individuelle Alltagsstrategien erarbeiten und ein Selbstbild entwickeln, das nicht mehr durch jahrelange Fehlzuschreibungen geprägt ist. Was Psychotherapie nicht kann: die zugrunde liegende ADHS vollständig beseitigen.
Welche Schwierigkeiten hängen wesentlich mit meiner ADHS zusammen – und welche zusätzlichen biografischen, emotionalen oder Beziehungsthemen kann ich psychotherapeutisch bearbeiten? Diese Bereiche voneinander unterscheiden zu lernen, ohne sie künstlich voneinander zu trennen, kann entlasten und dabei helfen, realistische Veränderungsmöglichkeiten zu erkennen.
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